Praktisch die gesamte Geschichte des modernen Menschen - von seinem ersten Erscheinen vor rund 300.000 Jahren bis zur Industriellen Revolution - ist an die Jahreszeiten angepasst. Unser Gehirn bewertet den Sommer als Zeit der höchsten Fruchtbarkeit und Ernte und belohnt uns dementsprechend mit Glücksgefühlen.
Die Winterdepression und das Sommerglück, das wir in der westlichen Welt empfinden, sind nicht allein eine biologische Reaktion, die auf die Vitamin-D-Produktion zurückzuführen ist, sondern sie sind tief in unserem Gehirn verankert.
Studien zeigen, dass Menschen in kälteren Regionen deutlich häufiger unter saisonalen Stimmungsschwankungen und Winterdepressionen leiden. Je weiter man vom Äquator entfernt lebt, desto häufiger treten diese Effekte auf. In wärmeren Regionen der Welt wie Asien oder Afrika gibt es keine so starke Zuspitzung von Glücksgefühlen und Dopaminausschüttungen. Stattdessen empfinden viele Bewohner der heißen Regionen den Sommer oft sogar als belastend. Epidemiologische Daten aus tropischen Klimazonen (wie eine Pionierstudie im »Journal of Affective Disorders«) untermauern dies.
Da unser Gehirn noch in der Steinzeit »lebt«, formt es unsere subjektive und biologische Realität entsprechend dieser Epoche. Was wir dabei bewusst denken und wahrnehmen, ist innerhalb unseres narrativen Ich-Spektrums irrelevant. Die animalisch gesteuerten Körperfunktionen dominieren den Menschen und definieren den Sommer daher als die glücklichste Zeit des Jahres. Nun wachsen allen Bäumen und Pflanzen Blätter, Gemüse wächst heran und ganz besonders das wertvolle Obst wird uns angeboten. Zudem ist es eine Glückszeit für die Jagd und Fortpflanzung. Man muss sich nicht mehr in der eisigen Kälte herumschlagen, zitternd und gezwungen tierische Beute zu suchen. Während die Jäger und Sammler im Winter nur vorwiegend jagen können, können sie nun endlich auch wieder sammeln.
Nach dieser These sind die saisonalen Stimmungsschwankungen also auch Ausdruck eines evolutionären Mismatches, der uns in der modernen Zeit fälschlicherweise alte Ressourcenkapazitäten vorgaukelt. Heute haben wir sowohl im Winter als auch im Sommer ausreichend Lebensmittel zur Verfügung und auch die Versorgung und Verpflegung des Nachwuchses ist sichergestellt - die Jahreszeiten haben kaum noch Auswirkung auf unseren Selektionsdruck. Das Glücksgefühl im Sommer - also das subjektive Empfinden, dass der Sommer schöner ist, und uns glücklicher macht als der Winter – ist auch ein Überbleibsel eines alten Bewertungsmechanismus.
In ferner Zukunft, vielleicht in einigen tausend Jahren, wird sich unser Gehirn neu angepasst haben. Wir werden den Winter dann vermutlich als schöner empfinden und mehr Glücksgefühle im Schnee haben als bei heißer Sonne. Da wir saisonunabhängig über ausreichend überlebenswichtige Ressourcen verfügen werden, wird die Evolution dafür sorgen, dass wir den Sommer gar nicht mehr so bedeutend empfinden werden. Zusätzlich wird sich die Dopaminachse verschieben, da Sonnenstrahlen dann als optionale, aber eher schädliche Einwirkungen bewertet werden. Durch die Supplementierung mit Vitamin D wird die Konfrontation mit der Sonne zunehmend als „nicht überlebenshilfreich” selektiert. Kaltes Wetter wird zunehmend zum Belohnungszentrum der Jahreszeiten, da es der Haut und dem Körper Schutz vor den Sonnenstrahlen bietet, die mit ihren UV-Strahlen die Zellen und gar das Ergbut angreift, und zu Hautkrebs führt.
In diesem Sinne wäre es für die moderne Zeit vielleicht eine alternative, sich über kalte Jahreszeiten zu freuen, auch wenn das Gehirn (noch) gegensteuert.