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Die Fugen der Spiritualität

Vom inneren Frieden zum Wahnsinn, von der Erleuchtung zur wissenschaftlichen Erkenntnis oder doch nur eine politische Verschwörung? Warum eine spirituelle Leitlinie wichtig ist.

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Die Spiritualität hat zumindest in Deutschland und im englischsprachigen Raum ein umstrittenes Image.

Das Problem hierbei ist, dass es keine Struktur und keinen sicheren Leitfaden gibt, an denen sich spirituell Suchende orientieren können.

Stattdessen trifft man bei Online-Suchen und auch in der spirituellen Literatur auf diverse Autoren, Personen und Gruppen. Dabei ist oft unklar, woher die Konzepte stammen und wer diese Personen sind.

Wie Lynch (2007) in seiner Analyse der neuen Spiritualität feststellt, hat die Informationsflut zu einer verwirrenden Landschaft geführt, in der traditionelle Autoritätsstrukturen aufgelöst wurden und selbsternannte Experten oft jahrhundertealte Konzepte ohne historischen Kontext präsentieren. Diese Entwicklung macht es für Suchende schwer nachvollziehbar, woher die Lehren stammen und welche Authentizität die verschiedenen Online-Autoren und spirituellen Gruppen tatsächlich besitzen.

So vermischen viele ihre eigenen Konzepte und Interessen. Es scheint keinen Filter oder „Wächter” zu geben, sodass jedes Konzept Teil der kollektiven Spiritualität werden kann. Wenn jemand nun beginnt, den Kernbegriff der Spiritualität zu erforschen, trifft er unweigerlich auf Lehren, die unsichtbare Wesenheiten, neue Dimensionen oder das ewige Lebenthematisieren.

Es geht nicht darum, all diesen Konzepten stur zu widersprechen.

Die Menschen, die spirituelle Glaubensvorstellungen haben, beschreiben bestimmte tatsächliche Ereignisse auf ihre Weise. So beschreiben Konzepte von Dimensionen das menschliche Bewusstsein in seiner unendlichen Tiefe, oft fixiert auf das Unterbewusstsein. Und Konzepte über Karma beschreiben Phänomene des Erbguts und der kollektiven Herkunft. Vieles in der Spiritualität hat einen wahren Kern, doch der Erklärungsversuch ist es oft, der wissenschaftlich versagt oder gar gefährlich wird.

Der Bewusstseinsforscher Prof. Dr. Thomas Metzinger von der Universität Mainz argumentiert, dass spirituelle Traditionen oft präzise phänomenologische Beschreibungen von Bewusstseinszuständen liefern, diese aber durch metaphysische Erklärungsmodelle deuten, die empirisch nicht haltbar sind.

Hier ist dann der Punkt, an dem Menschen, die beispielsweise wissenschaftlich orientiert sind, nicht mehr folgen können und sich abwenden.

Dabei bietet die Spiritualität eigentlich einen guten Ansatz für eine wissenschaftliche Integration. Betrachten wir Spiritualität als eine rein selbstbezogene und dann universell ausgebreitete Selbstforschung, ist sie kein Konzept, sondern eine Methode, um Bereiche zu erfassen, die der Menschheit noch weitgehend verschlossen sind.

Doch um zurück zur spirituellenSzene zu kommen: Hier sieht man oft auch Konzepte, die sich primär die US-Regierung zum Feindbild gemacht haben. Dabei werden sogar Konzepte von Außerirdischen (Stichworte: Greys, Anunnaki oder Illuminaten) auf diese übertragen, oft unterbewusst suggeriert. Dies stellt eine unbewusste Manipulation dar, die den Lesern oft gar nicht bewusst ist. Auch die deutsche Regierung wird hier zu oft als Feindbild dargestellt, wodurch Paranoia geschürt wird. Menschen, die eigentlich nur inneren Frieden und innere Klarheit finden wollten, werden so Teil einer gefährlichen Ideologie - bewusst, unbewusst oder nur "zum Teil" unbewusst.

Studien zeigen, dass das Bedürfnis nach kognitiver Kontrolle und die Suche nach spiritueller Identität oft dazu führen, dass „dunkle Eliten“ oder extraterrestrische Mächte als manipulative Feindbilder internalisiert werden, was eine spirituelle Paranoia schürt (Ward & Voas, 2011). Diese schleichende Ideologisierung führt dazu, dass „die Suche nach Wahrheit in eine manichäische Weltsicht umschlägt, in der staatliche Institutionen als existenziell bösartig wahrgenommen werden“ (Asprem & Dyrendal, 2015).

Dann ist es nicht verwunderlich, wenn Regierungen Maßnahmen ergreifen. Spätestens wenn beim Bestreben der bedingungslosen Liebe zeitgleich ein Feindbild in Regierungen geübt wird, wissen Regierungsorgane nicht mehr, womit sie es hier eigentlich zu tun haben.

Dabei geht es nicht darum, die wertvollen Werte der vielen spirituellen Lehren zu verändern. Wahrheit, Ehrlichkeit und Licht sind etwas, das sich nicht beugen lässt. Gefährlich wird es jedoch, wenn Menschen annehmen, dass die spirituelle Wahrheit, das wahre Selbst, eine eigene Politik reformiert und zu einem Kampf für die äußere Freiheit aufruft. Es ist nicht Teil einer spirituellen Selbstfindung, die Schattenseiten der Regierungen zu erforschen. Denn solche extremen Konzepte sind nicht nur gefährlich, weil sie geistig krank machen können, sondern auch, weil sie Suchende zum politischen Feind machen können.

Regierungen, die eigentlich für die eigene Sicherheit sorgen, werden misstraut und das Vertrauen geht in die Hände von Menschen, die eigene Interessen verfolgen und Suchende auffangen und manipulieren, indem sie ihre Ängste und Traumata spirituell missbrauchen.

Es gibt durchaus besonnene Literatur im Bereich der Spiritualität. Doch ist es nahezu unvermeidlich, an Konzepten vorbeizukommen, die irgendwie Paranoia schüren und Angst machen.

Selbst Suchende, die beispielsweise an die Existenz von Engeln glauben und über diese mehr erfahren möchten, sind mindestens einmal auf Konzepte gestoßen, in denen auch dunkle, böse Wesen” erwähnt werden. Nun haben diese Menschen keine Wahl: Sie müssen alles, was sich als spirituell tarnt, annehmen und selbst herausfinden, was die Wahrheit bedeutet. Dies ist eine psychische Herausforderung und hinterlässt Suchende oft mit Psychosen, wenn eigene unbewusste Probleme falsch interpretiert werden. Es muss sich kein unsichtbares Wesen vorgestellt werden, um unbewusste negative oder feindliche Gefühle anderer Menschen zu interpretieren.

Innerhalb spiritueller Lehren finden sich viele Konzepte und Ideologien, die weit vom eigentlichen Ziel der Selbstfindung entfernt sind.

Als wissenschaftlich orientierter Mensch kann man durchaus berechtigt die Frage stellen, ob es innerhalb des eigenen Bewusstseins oder gar im Universum mehr gibt, als unsere aktuellen Erkenntnisse preisgeben. Doch der Weg durch die spirituelle Literatur gleicht einem Kartenspiel, dessen Ausgang nicht immer klar bleibt.

Hier soll Spiritualität keineswegs falsch dargestellt werden. Spirituelle Lehren haben eine stimmungsaufhellende und positive Wirkung auf das Leben der Menschen. Viele werden auch durch ihren Glauben gesegnet, wie es bei Religionsangehörigen ist. 

Diese „Ressourcenorientierung“ ermöglicht es Suchenden, transzendente Erfahrungen als Quelle innerer Kraft und ethischer Orientierung in ihren Alltag zu integrieren (Utsch, 2005).

Es ist nicht notwendig, sich mit Konzepten über negative Wesenheiten auseinanderzusetzen oder sich überhaupt mit Konzepten einzulassen, die Paranoia schüren es sei denn, dies ist das persönliche Ziel. Wenn das Ziel jedoch darin besteht, das eigene wahre Selbst zu erblicken, muss man lediglich die eigenen Schattenseiten erkennen. Hierzu muss man sich keine unsichtbaren finsteren Wesen erschaffen, die den Teufel spielen.

Der Teufel, vor dem hier Angst geschürt wird, ist keine Macht außerhalb unserer Kontrolle - zumindest innerpsychisch. Der Teufel ist eine Beschreibung des Beobachters und diese Definition variiert von Person zu Person. Die Vorstellung vom klassischen Teufel mit tierischen Hörnern und roter Fratze ist lediglich eine Symbolik, keine reale Begebenheit. Wenn der Teufel real wäre, würde er nicht unseren unkreativen Gedanken entsprechen und tierische Hörner und Hufe haben, sondern ein Aussehen, das nicht unserer weltlich-evolutionären Anpassung entspricht.

In der Analytischen Psychologie gilt der Teufel als archetypische Projektion des individuellen und kollektiven Schattens, also verdrängter psychischer Anteile, die in anthropomorphen Bildern externalisiert werden (Jung, 1951). 

Der Teufel existiert, keine Frage, aber nicht als Wesenheit, sondern als Mensch. Wenn wir ihn unbedingt klassifizieren möchten, wäre der Teufel die menschliche Gier. Denn nur die Gier ist es, die Menschen seither dazu brachte und weiterhin bringt, Taten zu begehen, die Leid über uns alle bringen.

Hass ist eine Reaktion auf Verletzungen und eine evolutionäre Lektion, dass man einem Menschen kein Leid zufügen kann, wenn man ihm überlegen ist. Doch Hass ist nicht der primäre Böse in diesem Spiel, er ist Botschafter der Gier. Denn die Gier allein ist es, die schon zu Urzeiten Menschen dazu brachte, einander zu verletzen, um mehr Ressourcen zu haben oder weil sie selbst nicht genug hatten. Selbst Kriminaldelikte weisen alle eine primäre Tendenz zur Gier auf. Das Dopaminsystem will „schnell und eiskalt an sein Ziel kommen.

In der Evolutionspsychologie wird Gier als dysfunktionale Steigerung einer überlebenswichtigen Ressourcenaneignung verstanden, die durch das mesolimbische Dopaminsystem gesteuert wird und bei Fehlregulation zu antisozialem Verhalten und Kriminalität führt (Buss, 2019). Hass fungiert dabei oft als reaktiver Schutzmechanismus oder als Instrument zur Durchsetzung von Ressourcenkonflikten, wobei die „Gier“ den primären motivationalen Antrieb darstellt, soziale Normen zugunsten des eigenen Vorteils zu verletzen (Nell, 2006).

Wir sind evolutionär an Gier gebunden, weil das „Reptiliengehirn“ nicht aufhören kann und endlos nach mehr verlangt. So ist es nicht verwunderlich, dass die Massentierhaltung nur eines von vielen Beispielen ist, die unsere menschliche Gier veranschaulichen. Obwohl wir als Spezies durchaus in der Lage wären, auf Fleisch zu verzichten, scheint es uns unmöglich. Wir töten nicht mehr nur, um zu überleben, sondern nunmehr aus Gier. Wir demonstrieren buchstäblich, wer der Teufel ist. Wir sind es, die Millionen Tiere abschlachten, nahezu alle Lebensarten ausgelöscht haben und uns in einem ewigen Konflikt miteinander befinden, unter dem Deckmantel von Ländern und Regierungen.

Unsere Gier ist weder ein Urteil noch eine Abwertung uns gegenüber, sondern unsere Natur. Der größte Fortschritt in unserer Evolution wäre es, wenn wir lernen würden, unsere kollektive Gier zu kontrollieren. Die Gier verbirgt sich in unserem Gehirn und macht uns zur Marionette der Evolution.

Aus evolutionärer Perspektive ist es erstrebenswert, dem politischen Vorbild der EU zu folgen, um dem Krieg die Grundlage zu entziehen. So veranschaulicht die Europäische Union, wie Sicherheit durch den Verzicht auf den Instinkt der Gier, wahre Beständigkeit liefert. Deutschland könnte durchaus auch austreten und »mehr« haben. Aber genau in diesem mehr liegt das Dilemma der Welt.

In der Evolutionsbiologie und Spieltheorie wird die EU als ein System reziproken Altruismus interpretiert, das die kurzfristige „Gier“ nach individuellen Ressourcen (Defektion) durch langfristige Stabilität und kollektive Sicherheit (Kooperation) ersetzt, was die Überlebenschancen aller Beteiligten in einer globalisierten Welt erhöht (Axelrod, 1984). Während ein nationaler Alleingang kurzzeitig „mehr“ Ressourcen verspricht, belegen Studien zur Evolution der Kooperation, dass solche egoistischen Strategien in vernetzten Systemen instabil sind und langfristig zu zerstörerischen Konflikten führen, weshalb übernationale Institutionen als notwendige evolutionäre Anpassung zur Befriedung von Großgruppen gelten (Pinker, 2011; Klein, 2010).

Wenn wir den Teufel der Welt bekämpfen wollen, dürfen wir ihn nicht zu sehr herausfordern. Damit ist keine Regierung gemeint, sondern das menschliche Gehirn. Wenn wir den Teufel als das menschliche Gehirn betrachten, verstehen wir, dass es gierig ist.

Hier kommen wir wieder zu spirituellen Konzepten zurück, die versuchen, Geschehnisse zu erklären: So repräsentieren die Reptilien den Hirnstamm, der uns evolutionär mit diesen verbindet und eben die Gier, und damit das Böse, in uns ausmacht.

Spiritualität ist der Versuch, noch nicht wissenschaftlich erfasste Erkenntnisse durch Gefühle kognitiv zu erklären. Ein Versuch, der gegenüber der Wissenschaft oft scheitert.

Quellenverzeichnis

  1. Arat, Alp. (2014). Book Review: The New Spirituality: An Introduction to Progressive Belief in the Twentyfirst Century. Gordon Lynch, London: I.B.Tauris, 2007. 224 pp. Hardback ISBN: 978-1845114138. https://www.researchgate.net/publication/325271428_Book_Review_The_New_Spirituality_An_Introduction_to_Progressive_Belief_in_the_Twentyfirst_Century_Gordon_Lynch_London_IBTauris_2007_224_pp_Hardback_ISBN_978-1845114138
  2. Ward, C., & Voas, D. (2011). The Emergence of Conspirituality. Journal of Contemporary Religion, 26(1), 103–121. https://www.semanticscholar.org/paper/The-Emergence-of-Conspirituality-Ward-Voas/f12ed3d806d52866f34cf1ea672deb0549ecc522

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