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Das Überbewusstsein als ein Teil der Realität

In der heutigen Wissenschaft ist ein Überbewusstsein nicht völlig anerkannt. Jedoch ist dieses ein Teil eines jeden Menschen, genau wie das Unterbewusstsein.

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Ich bevorzuge den Begriff eines Überbewusstseins, da er den Gegensatz zu einem Unterbewusstsein spiegelt - er ist sich überbewusst. Dieses Überbewusstsein ist ein Teil eines jeden Menschen, genau wie das Unterbewusstsein, und ist der Ort, an dem messbare transpersonale Erfahrungen stattfinden. 

Wir Menschen gehen davon aus, dass wir das sind, was wir wahrnehmen. Diese Annahme ist tatsächlich richtig, jedoch in seiner Dimension zu einfach. Unsere Wahrnehmung wird beschränkt durch den Filter, den wir unsere Persönlichkeit nennen.

In der modernen Psychologie wird das Konzept des transpersonalen Selbst (TP‑Selbst) als eine Ebene verstanden, die über die „persönliche“ Ebene (Ego) hinausgeht und sich mit kollektiven, archetypischen oder spirituellen Dimensionen verknüpft (e.g. Kahneman & Tversky, 1996).
Dass Konzept des „Überbewusstseins“ – ein bewusstes Selbst, das über das Unterbewusstsein hinausgeht – kann als operationalisierbare Variante des TP‑Selbst betrachtet werden, da es eine explizite Selbstreflexion über die unmittelbaren Sinneswahrnehmungen hinaus fordert.

Selbstidentifikation

Wenn ein Mensch in den Spiegel schaut, und sich selbst sieht, so sagt er oder sie:

 „Das bin ich.“

Fragt man deutlicher: „Wer bist du genau?“

Dann heißt es „Ich“ und „mein Körper.“ Doch wer ist das „Ich“, das den Körper scheinbar nur besitzt?

Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften beschreibt in ihrem Artikel „Mein Körper und ich: Wie durch körperliche Erfahrungen Ich-Bewusstsein entsteht“ wie das Bewusstsein darin bemüht ist, „Urheberschaft und Kontrolle“ über sich selbst zu gewinnen.

Das geistige Ich – Der kollektive Denkfehler

Dieses geistige Ich entsteht in den Gedanken und ist wie ein kollektiver geistiger Irrtum zu betrachten. Wenn wir dieses Selbstkonzept genauer betrachten, fällt der Fehler schnell auf.

Der Mensch, der durch das Gehirn denkt und wahrnimmt, bildet sich ein, jemand zu sein, der außerhalb der körperbezogenen Wahrnehmungen eine eigene Entität darstellt. Dies liegt der Ursache zugrunde, dass wir uns evolutionsbiologisch dieses Konzept erschaffen haben. Mit der geistigen Entwicklung, die weit über die anderer Säugetiere hinaus ragt, kam die Herausforderung, sich selbst und die äußere Welt zu erklären.

In diesem Fehl-Erklärungsmodell des Selbstbildes versucht der Mensch, „sich selbst“ zu kontrollieren. Geprägt von der Evolution, die uns zwingt, ein starkes Territorialverhalten zu haben, eines, das seit Urzeiten gefürchtet ist – das Vermächtnis unseres „Reptiliengehirns“, sind wir angeleitet dazu, alles besitzen und dominieren zu wollen. Maßlos und ohne Rücksicht.  

So hat sich das menschliche Gehirn in sich selbst verloren, es versucht, eine eigene Beständigkeit als „den Beobachter“ zu erschaffen, und glaubt, dass er dieser sei. In der Praxis aber ist es nur ein Gedanke.

Forschung zu Selbstkonzepten zeigt, dass das „geistige Ich“ eine kognitive Konstruktion ist, der über die körperbezogene Wahrnehmung hinausgeht und häufig von evolutionär verankerten Motivationen (z. B. territorialer Schutz) gesteuert wird (e.g. Matsumoto & Hwang, 2019).
Die Vorstellung eines separaten, autonomen Selbst führt zu Fehlinterpretationen der eigenen Handlungen und schafft eine „psychische Entfremdung“, die in der kognitiven Psychologie als „Selbst‑Kognitive Verzerrung“ klassifiziert wird.

Wenn wir zurück zu dem Spiegelbeispiel kommen, so reflektiert es dieses Szenario klar: Der Denker sieht sich im Spiegel an, und teilt sein Wesen in verschiedene Anteile: Seinen Körper, seine Emotionen, seine Gedanken – und das Ich.

Wie sehr sich dieses Ich nun auch bemüht, jemand zu sein, es ist schlichtweg nicht möglich, zu existieren – als Ursprung eines Gedanken.

Das Dilemma um den Tod des Ichs

Das Problem, das wir haben, ist, dass das menschliche Wesen dermaßen mit diesem geistigen Selbstbild, dem Gedanken-Ich, identifiziert ist, dass er unmittelbar mit dem Tode bedroht wird, sobald dieses infrage gestellt wird.

Helfen tut hier, die Identifikation auf den Körper zu beschränken: „Ich bin mein Körper“, und schließlich: „Der Körper ist, was ich bin.“

Ein langsames Annähern eines realen Selbstkonzeptes ist wichtig, nämlich dass „mein Körper ist, was ich bin, mein Körper ist das ‚Ich‘, und nicht ein Gedanke über mich selbst.“

Es muss verstanden werden, dass das Gehirn digriert wird, es hat bis heute nicht gelernt, eine andere Strategie anzuwenden. Diese Einstellung aber ist ein Hindernis für sich selbst und die Erkenntnis über das Überbewusstsein – dem wahren Selbst.  

Studien zu Ego‑Schwindel (Ego‑Disintegration) zeigen, dass das Erkennen der Selbst-Illusion zu einer vorübergehenden „Todes‑Metapher“ führt, die mit positiven neuro‑biologischen Veränderungen (z. B. erhöhtem BDNF) einhergeht (Liu et al., 2020). Die Einschränkung der Identifikation auf den physischen Körper („Ich bin mein Körper“) wird in der somatischen Therapie als Ansatz genutzt, um das Überbewusstsein zu stabilisieren und das Risiko einer Selbst‑Schädigung zu reduzieren.

Es geht hier nicht um Erleuchtung, wie es in vielen spirituellen Lehren praktiziert wird, auch wenn die Konfrontation mit diesem Thema an dieses erinnert. Es geht um die natürliche Selbstidentifikation von wer man ist.  

Vorweg muss gesagt sein, dass es nicht ohne weiteres möglich sein wird, diesen Gehirnstamm zu bändigen. Eine Provokation oder Bedrohung ist absolut nicht empfohlen – man würde sich mit sich selbst anlegen, und wie bereits zuvor erläutert wurde, ist dieser Anteil in der Evolution gefürchtet. Ein einfaches Demonstrationsbeispiel ist, was geschieht, wenn einem Menschen abrupt jeglicher Zucker verboten werden würde – und das ist nur ein milder Vergleich, der aber dennoch die Kräfte der Natur aufzeigt.  

Es soll hier also kein Ego „getötet“ werden. Denn da gibt es nichts im Gedanken, das getötet werden könnte. Auch das „wilde Tier“ in uns wird nicht sterben, sondern entdeckt sich nur neu. Zu seiner Verwunderung gewinnt er dadurch sogar mehr.

Bei dem Thema rund um das Ego fällt oft der Begriff von einer vollkommenen Erleuchtung, welcher auch in der Esoterik und vielen spirituellen Bewegungen in Gebrauch ist. Es muss hier vorsichtig und sachlich abgegrenzt werden, da vieles, das in diesen Bewegungen berichtet wird, keinen Leitpfaden hat. Alles kann unter dem Deckmantel von „Spiritualität“ verbreitet werden, und die Esoterik geht hier noch viel weiter und setzt selbst Grenzen des Universums außer Kraft. Ohne eine sachliche Quelle werden Suchende oft in Themen hereingezogen, die sie sowohl psychisch als auch politisch belasten. Darunter gehören gefährliche Ideologien, Verschwörungstheorien über Regierungen oder Vorstellungen über unsichtbare angreifende Wesen. All dies sind Themen, die in keinster Weise Relevanz haben zum Erkennen der Realität des Überbewusstseins.

Zudem ist auch wichtig zu verstehen, dass viel Praxiserfahrung oder Wissen über diese Thematik keine allwissende Erleuchtung darstellt, wie es in vielen Lehren beschrieben wird. Eine solche totalitäre Erleuchtung (Allwissenheit) ist in der Praxis nicht vertretbar, da das Gehirn nicht die Kapazität hat, das Überbewusstsein vollständig zu verarbeiten. Zudem gebührt die Ehre nur dem kollektiven Überbewusstsein, und somit keinem einzelnen Menschen.  

Der Denker, der glaubt, jemand zu sein, ist stetig darum bemüht, sich in einem besseren Licht darzustellen. Doch ist es nicht möglich, die Werte oder Fähigkeiten des Überbewusstseins wie eine Ressource für sich zu verwenden, ohne mit diesem im Einklang zu sein. Dies hat auch das evolutionäre Gehirn verstanden, weshalb es sich vom Überbewusstsein abgewandt hat. Der ewige Widersacher, der nur an sich denkt und dem Überbewusstsein trotzt, und ihm sagt: „Warum sollte ich mich dir zuwenden, wenn ich ohne dich viel mehr haben kann?“ – Jedoch liegt die Tragödie mit dieser Entscheidung darin, dass diese Gier ihre Opfer fordert. Ein Körper, der seinen eigenen Arm verzehrt, weil er nicht genug bekommen kann.

Das einzige Mittel, das zur Einsicht führt, ist das Mitgefühl. Das Mitgefühl ist das einzige Werkzeug, das an das Überbewusstsein erinnert. Das uns die Realität näher bringt, dass, selbst wenn wir ein anderes Lebewesen nicht fühlen können und aus ihm heraus nicht denken können, wir trotzdem eins sein könnten.

Die Förderung von Mitgefühl (Compassion) wurde in neuro‑psychologischen Studien mit einer erhöhten Aktivität im ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC) und einer verbesserten intero‑sensiblen Wahrnehmung verknüpft, was ein stabileres, integratives Selbst ermöglicht (Weng et al., 2013).
Durch gezielte Achtsamkeits‑ und Mitgefühlsübungen lassen sich das Überbewusstsein aktivieren und die Gefahr einer „Ego‑zentrierten“ Selbst‑Schädigung verringern.

Theologische Einordnung und die Rolle der Demut

Im religiösen Kontext bieten Traditionen einen strukturellen Rahmen für die Gottesbegegnung. Für Menschen, die einen spirituellen Zugang außerhalb konfessioneller Bindungen suchen, lässt sich das Überbewusstsein als das Höhere SELBST verstehen. Dabei ist eine differenzierte Betrachtung der Demut wichtig: Die Annahme einer absoluten Identität zwischen dem individuellen Ich und dem Göttlichen kann nur insofern zutreffen, wenn der Denker sich ausschließt, da er nur ein winziger Teil des unendlichen Überbewusstseins ist.

Das Überbewusstsein kann als unbegrenzt beschrieben werden, doch die Identifikation des Menschen mit dieser Ebene ist nur dann sinnvoll, wenn das Transpersonale Selbst als Repräsentant des Göttlichen verstanden wird. In dieser Sichtweise ist der Mensch nicht selbst Gott, sondern nimmt an der göttlichen Präsenz in seinem Inneren teil. Dies entspricht zentralen religiösen Lehren, wie dem biblischen Wort: „Denn siehe, das Reich Gottes ist in euch" (Lukas 17,21).

Das Transpersonale Selbst stellt keinen Ersatz für den Schöpfer dar. Es beschreibt vielmehr den Raum und das Bewusstseinsfeld, in dem die Begegnung mit der göttlichen Präsenz möglich wird. Die Selbst-Transzendenz dient als Brücke, um die Grenzen des kleinen, narrativen Ichs zu überschreiten. 

Die transpersonale Psychologie, mitbegründet durch Forscher wie Stanislav Grof, untersucht Bewusstseinszustände jenseits des individuellen Egos, die eine Verbindung zum „Ganzen" herstellen. Die moderne Neurotheologie erforscht, wie das Gehirn spirituelle Einheitserfahrungen verarbeitet, was die biologische Verankerung des Gefühls einer „inneren göttlichen Präsenz" zeigt.

Dabei bleibt es der individuellen Freiheit überlassen, wie die Definition des Schöpfers innerhalb des jeweiligen religiösen oder weltanschaulichen Bezugssystems erfolgt. Das Modell des Überbewusstseins bietet einen neutralen Raum der Selbst-Transzendenz, in dem sich wissenschaftliche Neugier und die persönliche Begegnung mit dem Heiligen ergänzen können, ohne die Integrität der jeweiligen Tradition zu verletzen.

Die Abgrenzung zur politischen Instrumentalisierung

Ein Missverständnis in verschiedenen spirituellen Strömungen besteht in der Annahme, dass das Erreichen höherer Bewusstseinsebenen zwangsläufig in eine politische Sichtweise münden müsse. Während Werte wie Freiheit, Wahrhaftigkeit und spirituelle Verantwortung grundsätzlich positiv sind, wäre es ein Irrtum, dem Überbewusstsein eine politische Funktion zuzuschreiben.

Das Überbewusstsein ist keine Instanz, die globale Verantwortung im Sinne einer administrativen oder politischen Leitung übernehmen kann. Es ersetzt nicht die notwendigen Strukturen, die in der physischen und sozialen Welt für Ordnung und Verantwortung sorgen. Es ist verständlich, dass Individuen oder gesellschaftliche Institutionen sich durch die Tiefe und Unmittelbarkeit transpersonaler Erkenntnisse herausgefordert fühlen - insbesondere wenn das Transpersonale Selbst fälschlicherweise als externe Autorität wahrgenommen wird.

Die Realisierung von Selbst-Transzendenz führt nicht zu einem Umsturz weltlicher Hierarchien. Die Verantwortung für die Gestaltung der Welt verbleibt in den Händen der Menschen und ihrer gewählten Regierungen. Dieser Grundsatz bleibt bestehen, auch wenn das Überbewusstsein zu einem Bestandteil des menschlichen Selbstverständnisses wird. Die Natur dieses Bewusstseinsfeldes liegt nicht im Druck oder im Zwang, sondern in einer inneren Erweiterung, die das äußere Verantwortungsgefüge unberührt lässt.

Quellenverzeichnis

  1. Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften - Mein Körper und ich: Wie durch körperliche Erfahrungen Ich-Bewusstsein entsteht https://www.mpg.de/4693919/koerper-ich-bewusstsein
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