Als Sportwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Sportpsychologie weiß ich, wie wichtig die emotionale Verbindung zu Tieren ist, um eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Damit sich Reiter und Pferd verständigen können, muss das Pferd zunächst lernen, die Wünsche des Reiters zu verstehen. Gleichzeitig muss der Reiter wissen und erfühlen, welche Hilfen er im richtigen Moment einsetzen muss, um die gewünschte Reaktion und Leistung beim Pferd zu erzeugen.
Fortgeschrittene Reiter sollten ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung erworben und ein Bewusstsein für ihre Körperwahrnehmung sowie ein gutes Körpergefühl entwickelt haben. Nur so können sie die individuellen Bewegungen ihres Pferdes bei korrekter Ausführung der Lektionen richtig einschätzen. Erst wenn der Reiter über viele Trainingsjahre hinweg umfassendes Wissen, technische Fertigkeiten, emotionales Gespür und psychisches Selbstbewusstsein aus einer Vielzahl von Trainingserfahrungen mit dem Pferd erlernt, kognitiv verarbeitet und abgespeichert hat, kann sich das richtige Reitgefühl entwickeln und ausbauen. Erst dann wurden diese Erfahrungen vom gesamten Körpersystem des Reiters verinnerlicht und ein Automatismus konnte sich einstellen.
Da ein gutes Selbstverständnis des Sportlers in Bezug auf sein Körperbewusstsein und seine Gefühle enorme Auswirkungen auf die gesamte sportliche Leistung mit dem Pferd hat, gilt es, diesen Aspekt hervorzuheben und im Zusammenhang mit der nonverbalen Kommunikation zum Pferd zu erklären.
Die nonverbale Kommunikation
Die Körpersprache zwischen Reiter und Pferd, das gegenseitige Kennen- und Verstehenlernen über die Jahre hinweg sowie ein starkes Fundament aus Vertrauen, Liebe und Partnerschaft sind der Schlüssel für langfristigen sportlichen Erfolg und Leistung. Das bedeutet, dass der Reiter die individuellen Bedürfnisse seines Pferdes kennt und seine emotionale Intelligenz und Feinfühligkeit beim Reiten gekonnt einsetzen kann, um mit Gefühl, Technik und Geschicklichkeit situationsbedingt gut auf den Bewegungsablauf seines Pferdes einwirken zu können. Erst durch gekonnte Körpersprache, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ist es dem Reiter möglich, die Unterschiede und Auswirkungen seiner Hilfengebung auf das Pferd wahrzunehmen, zu verbessern und die Abstimmung der Hilfengebung zum Pferd durch Körperkommunikation in sportliche Leistung umzusetzen. Das Pferd muss die Abstufungen der feinen Hilfen des Reiters sowie dessen Körperhaltung und die Anspannung und Entspannung der Muskulatur verstehen und umsetzen. Auch die Intelligenz des Sportpferdes und dessen geistiges Vermögen sowie die Freude an der täglichen Trainingsarbeit mit seinem Reiter spielen eine entscheidende Rolle beim Leistungsfortschritt und dem Lernvermögen.
Verbindung, Vertrauen, Liebe
Um die Energie eines Pferdes gezielt für den Leistungsaufbau nutzen und in die richtigen Bewegungsbahnen lenken zu können, sind die Grundlagen einer guten physischen und psychisch-emotionalen Kommunikation nötig. Unter Kommunikation wird primär ein Informationsaustausch zwischen Reiter und Pferd verstanden, wobei der Fokus auf der Herstellung einer gemeinsamen Verständigung liegt. Bereits beim ersten Anreiten im Training teilt sich die Stimmung des Reiters dem Pferd auf wundersame Weise mit. Im Sitz, der muskulären Anspannung, der emotionalen Ausstrahlung, der Art des Treibens und der Anlehnung der Zügel zum empfindlichen Maul. Pferde erfühlen und erkennen in Bruchteilen einer Sekunde, in welcher emotionalen Verfassung ihr Reiter ist, und spiegeln dementsprechend dessen Inneres. Diese Kommunikationsform basiert sowohl auf einer emotional-psychischen und mentalen Verbindung zum Pferd als auch auf einer körperlichen Zusammenarbeit, wobei der menschliche Körper als Kommunikationsträger fungiert. Diese Verbundenheit zum Pferd hat einen besonderen psychologischen Wert, da das Pferd die körperlichen Signale in Form von Sinneswahrnehmungen und Gefühlsempfindungen aufnimmt.
Dass sich bei der Erziehung über die körperliche und seelische Haltung eine Wechselwirkung zwischen Reiter und Pferd ergibt und der Umgang mit dem Pferd sowohl die Psyche des Reiters als auch seinen Körper beeinflusst, ist in der Reiterei seit langem bekannt. Mehr als jede andere Kunst ist die Reitkunst mit den Weisheiten des Lebens verbunden. Viele ihrer Grundsätze können jederzeit als Richtlinien für das Verhalten im Leben dienen. Diese Erkenntnis zeigt den außerordentlichen erzieherischen Wert des Reitsports deutlich. Immer aber soll das Wissen dem Handeln vorangehen! (Alois Podhaisky, in: Die klassische Reitkunst. Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung, 2009).